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Schöne neue Arbeitswelt!
Die neoliberale Transformation der Arbeit
Nicht Arbeit als solche konstituiert Gesellschaft,
wohl aber Arbeit im Kapitalismus.
Moishe Postone
In seinem Buch „Zeit, Arbeit und gesellschaftliche
Herrschaft“ geht Moishe Postone von der These aus, das die Arbeit nur
im Kapitalismus die Gesellschaft konstituiert. Die neoliberalen Transformationen
der Arbeit und die post-tayloristische Arbeitsorganisation hat weitreichende
Konsequenzen für die gegenwärtige Verfassung der Gesellschaft, für
die antikapitalistischen Kämpfe und der gewerkschaftlichen Organisierung.
Dieser Prozess bringt neue Formen von Subjektivitäten hervor, die unmittelbar
mit einer neoliberalen und post-tayloristischen Arbeitsorganisation verknüpft
sind. Dieser Vortrag handelt von der Repräsentation der Arbeit im Neoliberalismus
und um die neoliberale Transformation der Arbeit.
Neoliberalismus und das Problem der Arbeit
Das neoliberale Projekt ist für den französischen Philosophen Michel Foucault kein Rückgriff auf den klassischen Liberalismus, sondern eine fundamentale Weiterentwicklung, die Elemente der rechten und linken Sozialstaatskritik aufgreifen. Die Differenz des Neoliberalismus zum klassischen Liberalismus besteht nach Foucault vor allem in zwei Punkten:
1. Neudefinition des Verhältnisses von Staat und Ökonomie:
Der klassische Liberalismus war geprägt durch die historische Erfahrung
des absoluten Staates, deshalb ging es innerhalb des liberalen Diskurses auch
immer um die Grenzen des Staates und seines Handelns. Während im klassischen
Liberalismus der Staat die Marktfreiheit zu garantieren und zu überwachen
hatte, wird innerhalb des neoliberalen Denkens der Markt selbst zum organisierenden
und regulierenden Prinzip des Staates. Innerhalb der neoliberalen Regulationsform
dient die Form des Marktes als Organisationsprinzip von Staat und Gesellschaft.
2. Differenz der Grundlage des Regierens: Das rationale Handeln der Regierung
war im klassischen Liberalismus an die Rationalität der regierten Individuen
und an das interessensmotivierte und freie Handeln auf dem Markt tauschender
Individuen gekoppelt. Die liberale Freiheit war die Bedingung einer rationalen
und ökonomischen Regierung, diese kann nicht von der Regierung eingeschränkt
werden, ohne dass sie ihre eigene Grundlage gefährdet. Den Bezugspunkt
des rationalen Handels sucht dagegen der Neoliberalismus nicht mehr in der
„Natur“ des Menschen, sondern in einem künstlich hergestellten
Verhaltensstil. Nicht mehr eine „natürliche“ Freiheit stellt
die Begrenzung des (staatlichen) Regierungshandeln dar, sondern eine künstlich
arrangierte Freiheit: im unternehmerischen und konkurrenziellen Verhalten
der ökonomisch-rationalen Individuen (vgl. Lemke 1997, 241f).
Foucault hat sich vor allem mit zwei Formen des Neoliberalismus
beschäftigt, mit den deutschen Nachkriegsliberalen („Ordoliberale“)
der Jahre 1948-63 und dem US-ameri¬ka¬nischen Neoliberalismus der
„Chicagoer Schule“ (vgl. Foucault 2004). Für die Analyse
der gegenwärtigen Transformation der Arbeit und der Herausbildung eines
„unternehmerischen Selbst“ beschränke ich mich hier an auf
die „Chicagoer Schule“ und darin auf zwei Aspekte die Ausweitung
des Ökonomischen und die Theorie des Humankapitals.
Im Neoliberalismus der „Chicagoer Schule“ ist das Soziale eine
Form des Ökonomischen. Der Ansatz der „Chicagoer Schule“
– so Foucault – bedeutet eine konsequente Ausweitung der ökonomischen
Form auf das Soziale oder anders gesagt eine Neudefinition des Sozialen als
eine Form des Ökonomischen. Bei dieser Form des Neoliberalismus dient
das Modell des rational-ökonomischen Handelns als Begrenzung und Begründung
des Regierungshandelns, wobei die Regierung die Form des Unternehmens annimmt.
Das Ökonomische wird systematisch und umfassend erweitert: „Die
Ökonomie ist nicht mehr ein gesellschaftlicher Bereich unter anderen
mit einer ihm eigenen Rationalität, Gesetzen und Instrumenten; vielmehr
umfasst das Gebiet des Ökonomischen die Gesamtheit menschlichen Handelns,
insofern dieses durch die Allokation knapper Ressourcen zu konkurrierenden
Zielen charakterisiert ist. Die Frage der Neoliberalen gilt dem Kalkül,
das die Individuen dazu bringt, ihre knappen Mittel eher zu einem Ziel als
zu anderen einzusetzen. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Rekonstruktion
einer (menschlichen) Logik, sondern die Analyse eines menschlichen Handelns,
das sich durch eine bestimmte, ihm eigene (ökonomische) Rationalität
auszeichnet. Das Ökonomische ist in dieser Perspektive nicht ein fest
umrissener und eingegrenzter Bereich menschlicher Existenz, sondern sie umfasst
prinzipiell alle Formen menschlichen Handelns und Sich-Verhaltens“ (Lemke
1997, 248).
Die Ausweitung der ökonomischen Form hat innerhalb des Neoliberalismus zwei wichtige Aufgaben: Zum einen dient sie als Analyseform für nicht-ökonomische Bereiche und Handlungen. Soziale Beziehungen und individuelles Verhalten werden nach ökonomischen Kriterien betrachtet und analysiert. Zum anderen wird das ökonomische Raster zur Bewertung von Regierungspraktiken anhand von Marktbegriffen eingesetzt.
Die Verbindung von analytischen und programmatischen Aspekten des Neoliberalismus der „Chicagoer Schule“ zeigt Foucault anhand der Theorie des Humankapitals: Die Theorie des Humankapitals geht von der Kritik an der Behandlung des Problems der Arbeit innerhalb der ökonomischen Theorie aus. Die Neoliberalen kritisieren die Ausklammerung der Arbeit aus der Theorie der Politischen Ökonomie, aber nicht im Marxschen Sinne. Für Marx war die Trennung von konkreter und abstrakter Arbeit ein historisches Produkt kapitalistischer Vergesellschaftung, für die Neoliberalen ist sie ein Defizit der Politischen Ökonomie in der Kon¬zeptionalisierung des kapitalistischen Prozesses. Die Kritik der Neoliberalen setzt deshalb nicht an der Ökonomie an, sondern an deren Repräsentation. Es geht ihnen nicht um eine andere Ökonomie, sondern um eine andere Vorstellung der Ökonomie. Die abstrakte Arbeit ist für die Neoliberalen keine Folge der kapitalistischen Produktionsweise, sondern der Unfähigkeit der Politischen Ökonomie, eine konkrete Analyse der Arbeit bereitzustellen. Diese Lücke wollen die Neoliberalen mit ihrer Theorie des Humankapitals schließen. In dieser Theorie stellt der Lohn der ArbeiterInnen nicht mehr den Preis für den Verkauf ihrer Arbeitskraft dar, sondern er repräsentiert ein Einkommen aus einer besonderen Form des Kapitals. Dieses Kapital ist ein besonderes Kapital und kann nicht vom einzelnen Individuum getrennt werden, es handelt sich hier um Kompetenz, Geschicklichkeit und Wissen: „Dieses ‚menschliche Kapital‘ besteht aus zwei Komponenten: eine angeborene körperlich-genetische Ausstattung und die Gesamtheit der erworbenen Fähigkeiten, die das Ergebnis von ‚Investitionen‘ in entsprechende Stimuli sind: Ernährung, Erziehung und Ausbildung, aber auch Liebe und Zuwendung“ (Lemke 1997, 250). ArbeiterInnen werden nicht mehr als abhängig Beschäftigte eines Unternehmens gesehen, sonders als Individuen, die eigenverantwortlich Investitionsentscheidungen treffen und auf die Produktion eines Mehrwertes abzielen, sie sind „UnternehmerInnen ihrer selbst“.
Indem der Neoliberalismus prinzipiell alles den gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen überlässt, suggeriert er neue Freiheiten. Der Rahmen für diese Aushandlungsprozesse ist durch die ökonomische Rationalität bestimmt, alles muss sich auf dem Boden von Kosten-Nutzen-Kalkülen bewegen. Diese neoliberalen „Freiheiten“ erlauben neue Formen der Kontrolle, „die weder über autoritäre Repression noch über wohlfahrtsstaatliche Integration operieren“ (Lemke 1997, 255). Das Ziel ist jetzt die Maximierung des Nutzens.
Die neoliberale Transformation der Arbeit
In folgenden möchte ich einige Diskurse darstellen, die versuchen die neoliberale Trans¬formation der Arbeit innerhalb eines entgrenzten Kapitalismus begrifflich und theoretisch zu fassen. Unter Entgrenzung ist der Zugriff des Kapitalismus auf das ganze Leben zu verstehen, das Ende der Teilung von „Arbeit und Leben“ (vgl. Voß 1994), von Freizeit und Arbeitzeit, von Arbeitsplatz und Zuhause. Die „Kultur des neues Kapitalismus“ (vgl. Sennett 2000) führt zu einer Flexibilisierung von Zeit und Raum jedes einzelnen Menschen.
1. Subjektivierung von Arbeit
In der Arbeits- und Industriesoziologie werden die gegenwärtigen
Veränderungen in der Arbeitswelt unter dem Aspekt der „Subjektivierung
von Arbeit“ (vgl. Moldaschl/Voß 2002) betrachtet. Es wird dort
der Frage nachgegangen, welche Position die Individuen und ihre Subjektivität
im Arbeitsprozess einnehmen und dies in doppelter Hinsicht:
1. Die Arbeit fordert von den Individuen mehr Subjektivität.
2. Die Individuen bringen von sich aus mehr Subjektivität in die Arbeit
ein.
In diesem Diskurs bleibt die Arbeit der Subjektivität äußerlich,
da die Arbeit die Gesellschaft im Kapitalismus (mit-)konstituiert, ist die
Arbeit der Subjektivität im Kapitalismus nie äußerlich, da
sie fester Bestandteil der jeweiligen Subjektivierungsweisen ist. Die Transformationen
der Arbeit und der Arbeitsorganisation wirken auf die Subjektivierungsweisen
der Individuen ein.
2. ArbeitskraftunternehmerIn
Mit dem Begriff des „Arbeitskraftunternehmers“ (vgl.
Pongartz/Voß 2003) wird versucht die ökonomische Transformation
der Lohnarbeit theoretisch zu erfassen. Durch die markt¬orientierte Reorganisation
der Arbeitsorganisation werden immer mehr ArbeitnehmerInnen und Erwerbslose
zu „UnternehmerInnen der eigenen Arbeitskraft“ oder sollen es
werden. Die ArbeitskraftunternehmerInnen werden zu AuftragnehmerInnen für
Arbeitsleistungen, die sie selbstorganisiert und selbstkontrolliert in den
betrieblichen Ablauf überführen müssen. Als ArbeitskraftunternehmerIn
muss die/der Arbeitende für eine unternehmerische Entwicklung und Vermarktung
der eigenen Arbeitskraft sorgen. Laut Pongartz und Voß gibt es drei
typische Merkmale des Typus ArbeitskraftunternehmerIn:
Selbst-Kontrolle: verstärkte selbständige Planung, Steuerung und
Überwachung der eigenen Tätigkeit.
Selbst-Ökonomisierung: zunehmende zweckgerichtete „Produktion“
und „Vermarktung“ der eigenen Fähigkeiten und Leistungen
– auf dem Arbeitsmarkt wie innerhalb der Betriebe.
Selbst-Rationalisierung: wachsende bewusste Durchorganisation von Alltag und
Lebens¬verlauf und Tendenz zur Verbetrieblichung von Lebensführung
(vgl. Pongratz/Voß 2003, 24).
Die ökonomische Figur des „Arbeitskraftunternehmers“ bedeutet
eine „Verbetrieblichung“ und damit auch Verbetriebswirtschaftlichung
des Subjekts.
3. Immaterielle Arbeit
Unter „immaterielle Arbeit“ (vgl. Hardt/Negri 2002, 300-305 und Negri/Lazzarato/Virno 1998) wird die Produktion von Gütern wie Dienstleistungen, kulturelle Produkte, Wissen oder Kommunikation verstanden. Innerhalb einer informationellen Ökonomie haben Information und Kommunikation eine fundamentale Rolle im Produktionsprozess und bei Wertschöpfung eingenommen. Das Auftauchen der immateriellen Arbeit bedeutet ebenfalls eine Homogenisierung der Arbeitsvorgänge. Brauchten die ArbeiterInnen früher für die Herstellung verschiedener Produkte verschiedene Werkzeuge, handelt es sich heute um die gleichen Prozesse der Symboleingabe in den Computer. „Die Tatsache, dass immaterielle Arbeit Subjektivität und (ökonomischen) Wert zur gleichen Zeit produziert, zeigt, wie die kapitalistische Produktionsweise unser Leben durchdrungen und hergebrachte Unterscheidungen – Ökonomie, Macht, Wissen – niedergerissen hat“ (Lazzarato 1998, 58).
4. Arbeit als Lebensstil
Unter „Arbeit als Lebensstil“ (vgl. Meschnig/Stuhr 2003) wird eine radikale Kulturalisierung der Arbeitswelt verstanden. Mit der Verschmelzung von Arbeit, Konsum und Leben wird eine Antwort auf die Krise der Arbeitsgesellschaft ver- und gesucht. Die Arbeit wird zu einer Frage des richtigen Lifestyles. „Indem die Arbeit zum Lebensstil und zur Marke wird, soll die Entfremdung des Menschen innerhalb der klassischen Arbeitsverhältnisse vermindert“ (Meschnig/Stuhr 2003, 8) werden. Die neue Arbeitswelt verlangt nach neuen Identitäten, die die eigene „Vermarktung“ in den Mittelpunkt des Arbeitenden und des Arbeitsuchenden stellt. Der „richtige“ Lifestyle ist die marktgerechte und marktkonforme Individualität. Die dadurch gleichzeitige Ausgrenzung großer Gruppen der Gesellschaft hat ihre Ursache im „falschen“ Lifestyle und nicht in den kapitalistischen Verhältnissen.
Das unternehmerische Selbst – Regierung des autonomen Selbst
Die verschiedenen Diskurse würde ich unter dem Typus des
„unternehmerischen Selbst“ zusammenfassen, durch diesen Begriff
lassen sich die ökonomische, soziale, kulturelle und philosophische Dimensionen
der gegenwärtigen Transformation der Arbeit und ihre gesellschaftliche
Vermittlung am besten erfassen.
Peter Miller und Nikolas Rose haben im Anschluss an Foucault und seinem Begriff
der Gouvernementalität den Neoliberalismus unter der Perspektive einer
„Regierung des autonomen Selbst“ (Miller/Rose 1994, 95-103) untersucht.
Nach ihren Beobachtungen und Analysen, versuchen neoliberale Technologien
auf die Selbstregulierungspraktiken von Individuen und sozialen Gruppen einzuwirken,
um diese dann mit der ökonomischen Profitmaximierung und gesellschaftlichen
Zielen zu verbinden:
„Politische Autoritäten versuchen nicht länger, durch Instruktionen
die Individuen in allen Sphären ihrer Existenz, von den intimsten bis
zu den öffentlichsten, zu regieren. Die Individuen selbst, als Arbeiter,
Manager und Familienmitglieder können im Bündnis mit politischen
Zielen mobilisiert werden, um Wirtschaftswachstum, erfolgreiche Unternehmen
und optimales persönliches Glück zu schaffen“ (Miller/Rose
1994, 104).
Ziel der neoliberalen Technologien ist, eine neue Beziehung zwischen dem Wohlstand
der Nation und den „privaten“ Wahlentscheidungen von Individuen
zu bilden. Die ökonomische Rolle der BürgerInnen ist nicht mehr
auf ihre Funktion in der Produktion, Forschung, Verwaltung beschränkt,
sondern wird ergänzt um ihre Aktivität als VerbraucherInnen: „Um
die ökonomische Gesundheit der Gesellschaften des Westens aufrecht zu
erhalten, die in Bezug sowohl auf Haushaltsdisziplin als auch auf den hohen
Beschäftigungsgrad verstanden wird, ist eine beständige Erhöhung
des Konsums notwendig“ (Miller/Rose 1994, 98). Die Arbeit und die Freizeit
– als Zeit des Konsumierens – stehen sich nicht mehr feindlich
gegenüber, sondern werden in der neoliberalen Rationalität eng aneinander
gekoppelt: „Die Arbeit muss ebenso ‚frei‘ gestaltbar sein,
wie die Freizeit ‚ökonomisch‘ eingesetzt werden soll“
(Lemke 1997, 255f). Die Arbeiterin oder der Arbeiter wird nicht länger
als „ein soziales Geschöpf verstanden, das die Befriedigung seines
oder ihres Bedürfnisses nach Sicherheit, Solidarität und Wohlfahrt
sucht, sondern als ein Individuum, das aktiv sein oder ihr eigenes Leben zu
gestalten und zu verwalten sucht, um seine (und ihre, Anm. jm) Erträge
hinsichtlich Erfolg und Leistung zu maximieren“ (Miller/Rose 1994, 100).
Für die Erhöhung der Produktivität und den ökonomischen
Erfolg stellt die „autonome“ Subjektivität der lohnarbeitenden
Individuen kein Hindernis mehr dar, sondern ist dessen Grundlage. Die „Selbstbestimmung“
der Individuen wird zu einer zentralen ökonomischen Ressource und einem
Produktionsfaktor: „Die selbstregulierenden Fähigkeiten von Individuen
sollen an den ökonomischen Zielen (...) ausgerichtet werden (...) Die
Werte der Selbstverwirklichung, die Fähigkeit der Selbstdarstellung,
der Selbstlenkung und des Selbstmanagements sind sowohl persönlich verlockend
als auch ökonomisch wünschenswert“ (Miller/Rose 1994, 101).
Die Arbeit ist in diesem neoliberalen Denken nicht mehr die notwendige Einschränkung
der Freiheit des Individuums: „Arbeit ist ein wesentliches Element auf
dem Weg zur Selbstverwirklichung. Es gibt keine Schranken zwischen dem Ökonomischen,
dem Psychologischen und dem Sozialen. Die Regierung der Arbeit durchdringt
jetzt das psychologische Erfüllungsstreben eines jeden Individuums“
(Miller/Rose 1994, 102f). Das Streben nach Autonomie, Kreativität und
Verantwortung ist nicht mehr nur zentral für das individuelle Glück,
sondern soll dem ökonomischen Erfolg des Unternehmens dienen. Flexible
Arbeitszeiten, selbstbestimmte Arbeitsgruppen und Leistungsanreize haben in
der neoliberalen Ökonomie nicht nur das Ziel, die Organisation der Produktion
zu transformieren, sondern richten sich darüber hinaus auf die Beziehungen
der Individuen zu ihrer Arbeit. Die Selbstanpassung der ArbeiterInnen an die
Wettbewerbsvorteile der Gesellschaft ermöglicht eine „gemeinsame
Ausrichtung der Arbeitstechnologien und der Technologien der Subjektivität“
(Miller/Rose 1994, 102).
Während in der Theorie das „unternehmerische Selbst“ die
Geschlechterverhältnisse keine Rolle für den Neoliberalismus spielen,
ist dies in der realen Welt selbstverständlich anders. Trotzdem gibt
es im Hartz-Bericht nur wenige Stelle, die das Geschlechterverhältnisse
thematisieren und dann meist appellhaft. Die Tatsache, dass Frauen in verschiedenen
arbeitspolitischen als potenzielle Existenzgründerinnen angesprochen
werden stehen in keinem Widerspruch zu geschlechtsneutralen neoliberalen Rhetorik.
In feministischen Studien wird seit Anfang der 1980er Jahre der Erfolg und
Fortschritte von Existenzgründungen von Frauen thematisiert. Die feministisch-empathische
Perspektive auf die Gründerinnen weist für Birgit Hodenius auf Widersprüche
hin, die Katharina Pühl folgendermaßen zusammenfasst:
„Viele Studien, die erfolgreiche Gründungen von Frauen plausibel
machen wollten, bezogen sich in den 1980er und 1990er Jahren auf das ‚weibliche
Arbeitsvermögen’ (Elisabeth Beck-Gernsheim u.a.), das die raue
Welt der Ökonomie humaner und emotionaler machen sollte. Dabei reproduzieren
sie aber das Paradox, dass genau diese Eigenschaften eines weiblichen Sozialisationsergebnisses
sind, die Frauen aktiv behindern, erfolgreiche Unternehmerinnen zu werden“
(Pühl 2003, 121). Pühl rät zur Vorsicht gegenüber unreflektierten
Geschlechterbildern. Durch die Hervorhebung weiblicher Eigenschaften als Leitbild
für Gründerinnen sollen Frauen motiviert werden, oder sie sind neoliberal
als sogenannten soft skills von Frauen eingebettet (Kommunikationsfähigkeit,
emotionale Klugheit, Intuition).
Für Katharina Pühl werden im aktuellen neoliberalen Umbau des Arbeitsmarktes
und des Sozialstaates gleichzeitig die Festschreibung und Flexibilisierung
von Geschlechterverhältnissen wirksam. So ist für sie das „gegenwärtige
Feld politischer Neubestimmungen aktivierender Sozialstaatspolitik unter neoliberalen
Vorzeichen (...) höchst widersprüchlich: Einerseits tauchen Frauen
als Zielgruppe politischer Regulierungen des Arbeitsmarktes und damit als
Akteurinnen in diesem Sinn erneut auf – vor allen Dingen als „Unternehmerinnen
ihrer selbst“. Und anderseits verfestigen die gegenwärtigen Regulierungen
ein bipolares hierarchisches Geschlechtermodell (west-)deutscher Provenienz,
allerdings unter insgesamt verschobenen Bedingungen von Lohnarbeit und sozialer
Absicherungen“ (Pühl 2003, 115).
Sexuelle Arbeit
Mit dem Begriff der „sexuellen Arbeit“ (vgl. Boudry/Kuster/Lorenz
2000) sollen die vielfältigen Beziehungen zwischen Arbeitsplatz und Zuhause
zusammengeführt werden, dabei wird der Arbeitsplatz als Lebensverhältnis
betrachtet, dadurch geht er weiter als der Begriff der „geschlechtlichen
Arbeitsteilung“. Der Arbeitsplatz „ist ein Ort, an dem Personen
einen nicht geringen Teil ihres Lebens verbringen, der ihr Selbstgefühl
etwa durch Ängste, Überdruß, Erniedrigung oder Bestätigung
ganz entscheidend mitbestimmt (Boudry/Kuster/Lorenz 2000, 6). Ebenfalls wird
die langläufige „Gegenüberstellung von Arbeit und Freizeit,
die Erwerbsarbeit als öffentlichen, monetären, fremdbestimmten Bereich
der Zwänge, das Zuhause dagegen als den freundlichen Ort der Emotionen,
des Persönlichen, der Wünsche und der selbstbestimmten Lebenszeit
betrachtet (Boudry/Kuster/Lorenz 2000, 8f).
Der Begriff „sexuelle Arbeit“ weist in diesem Kontext auf die
geschlechtsspezifische Arbeitsteilung hin, anderseits darauf, dass Arbeitsverhältnisse
Fähigkeiten und Emotionen in den Arbeitsprozess integrieren, die dem
Bereich der Subjektivität – sprich Weiblichkeiten und Männlichkeiten
– zuzuordnen sind. Ebenso um die eindeutige Darstellung von Geschlecht
und Heterosexualität entsprechend den Normen von Zweigeschlechtlichkeit
und Zwangsheterosexualität am Arbeitsplatz (vgl. McDowell 2000). Die
„sexuelle Arbeit ist dann produktiv, wenn sie eine sichtbare Kohärenz
von Geschlechtsidentität und sexueller Praxis herzustellen vermag“
(Boudry/Kuster/Lorenz 2000, 9f). Hier ist zu berücksichtigen, dass Heterosexualität
als gesellschaftliche Norm in der Regel unmarkiert bleibt, so dass die sozialen
Praktiken, die damit verknüpft sind, als solche gar nicht sichtbar werden.
Heterosexualität als Norm führt dazu, dass Schwule und Lesben an
bestimmten Arbeitsplätzen gezwungen sind, Normen heterosexueller Weiblichkeit
und Männlichkeit in noch eindeutiger Weise zu beflogen als dies von ihren
heterosexuellen KollegInnen getan wird. Für Schwule und Lesben bedeutet
die Darstellung von Heterosexualität am Arbeitsplatz eine Mischung aus
Ausweichmanövern, Kontrolliertheit und Distanziertheit. Für Lesben
besteht durch die Betonung von Weiblichkeit mit einer Heterosexualisierung
des Körpers besonders in gehoben Positionen einen Statusverlust. Für
Männer, die in einem so genannten „typischen Frauenberuf“
(Pflegeberufe, Flugbegleiter, allein erziehender Vater) arbeiten, haben durchaus
die Möglichkeit andere Formen von Männlichkeit zu besetzen. Diese
Männer setzten sich aber immer der „Gefahr“ aus, dass ihre
Darstellung nicht als eine andere Form von Männlichkeit wahrgenommen
wird, sondern als Weiblichkeit und dadurch ein Statusverlust droht. Die männlichen
Flugbegleiter werden so in der öffentlichen Wahrnehmung und in den Medien
(Film und Comedy) als durchgängig homosexuell kategorisiert.
In ihrem Buch „Reproduktionskonten fälschen“ stellen Pauline
Boudry, Briggitta Kuster und Renate Lorenz verschiedene Studien zur „sexuellen
Arbeit“ vor. In dem Beitrag „Männlichkeit, Dualismen und
Hochtechnologie“ untersucht Doreen Massey den Zusammenhang von Gender
und Arbeit in Bereich der britischen Hochtechnologie. Die meisten der Arbeitskräfte
in diesem Bereich sind männlich, ihre Arbeitstage sind lang und die Anforderung
an die zeitliche und räumliche Flexibilität ist hoch. Für die
lange Arbeitszeit gibt es verschiedene Gründe: Auf der einen Seite die
Konkurrenz mit anderen Unternehmen und auf der Anderen die Art und Weise wie
der Wettbewerb auf dem neoliberalen Arbeitsmarkt stattfindet. Die Arbeitskraft
wird aufgrund ihres spezifischen Lebens, ihrer Erfahrung und ihres Wissens
bewertet. So werden die Menschen als „UnternehmerInnen ihrer selbst“
gezwungen, selbst den Wert der eigenen Arbeitskraft zu steigern. Dazu müssen
sie sich weiterbilden, zu Konferenzen fahren und Netzwerke bilden, dies geschieht
nicht in der regulären und bezahlten Arbeitszeit. Hierzu kommt ein ganz
unverständlicher Grund für die lange Arbeitszeit: Sie lieben ihre
Arbeit. Dieser letzte Grund ist aber interessant für den Zusammenhang
von Gender und Arbeit. In der Hochtechnologie wird etwas den Arbeitskräften
verlangt und erwartet, was in unserer dualen Welt, der „Männlichkeit“
zu geschlagen wird: die Dominanz von Wissenschaft und Vernunft. Die Arbeit
mit dem Computer geht über eine reine Technikbegeisterung hinaus. Er
ist Hilfsmittel und Anreiz für logisches Denken. Die Arbeit wird als
„Kampf“ mit Problemen betrachtet, bei dem „Durchbrüche“
zu machen sind. Daraus resultiert auch den hohen Status dieser Arbeit. In
der Selbstrepräsentation der Männer kommt der alte Dualismus. Die
Hausarbeit und die Sorge um die täglichen Bedürfnisse werden aus
dem Selbstbild als Wissenschaftler ausgegrenzt. Wissenschaft und Hausarbeit
gehen nicht zusammen. Massey ging es in ihrer Untersuchung darum, die Bedeutung
von „Männlichkeit“ in dem Bereich der Hochtechnologie zu
untersuchen. Die einzelnen Männer, die dort arbeiten, stehen in einem
Verhältnis dazu. So haben die Interviews von Massey gezeigt, dass es
wenige Männer haben ein kritisches Verhältnis zu diesem „Selbstbild“.
Viele verherrlichen es, anderen sehen es als notwendig an. Der Widerstand
der wenigen ist eine Reaktion auf Stress am Arbeitsplatz, Kritik der Partnerin
oder sie haben Angst das Aufwachsen der eigenen Kinder zu verpassen. So richtet
sich der Widerstand gegen die Anzahl der Arbeitsstunden und gegen die Raum-Zeit,
die die Arbeit besetzt. Die Repräsentation der Arbeit als „männlich“
wird nicht in Frage gestellt.
Linda McDowell hat in ihrer Untersuchung „Body Work“ die Darstellung
von Geschlecht und Heterosexualität am Arbeitsplatz untersucht (vgl.
McDowell 2000). Die Frage ist, wie Machtverhältnisse, Heterosexualität,
Identität und Körper am Arbeitsplatz zusammenhängen. Der Körper
ist für McDowell ein zentraler Ort sozialer Erfahrungen.
Sie hat ihre Untersuchungen in den Handelsbanken der Londoner City in den
80er Jahren gemacht, an einem Ort der von Rationalität – sprich
„Männlichkeit“ – bestimmt ist. Ich möchte mich
hier nicht auf offen sexistischen Verhaltens- und Denkweise männlicher
Kollegen in der Hochfinanz eingehen, sondern auf die Repräsentation von
Gender. In der Finanzwelt pflegen Männern eine entkörperlichte Präsentation
des Körpers – Verzicht auf Betonung männlicher Attribute.
Aufgrund der gegenwärtigen Denkweise ist dies für Frauen unerreichbar.
Frauen sind im dualistischen Denken – wie die Natur – durch Sexualität,
Fruchtbarkeit und Wachstum gekennzeichnet. Im dualen Denken von Kultur und
Natur, gehört die Kultur zur öffentlichen und bürgerlichen
Sphäre, während die Natur im privaten und häuslichen Bereich
verortet wird. Weiblichkeit am Arbeitsplatz stellt für die Männer
eine Bedrohung dar, da sie verschiedenen Dualismen in der Gesellschaft in
Frage stellt: Zuhause versus Arbeitsplatz, Geschlecht versus Geld, Liebe versus
Vertrag, Frauen versus Männer. Die Grenzen werden unscharf, da die Mehrheit
der berufstätigen Frauen – so McDowell – Menstruation, Schwangerschaft
und Wechseljahre nicht zu Hause lassen können. Männliche Kollegen
müssen sich nun mit Dingen befassen und Auseinandersetzen, die für
sie der Privatsphäre zu geordnet werden.
Rodgers hat bei Befragungen im britischen Parlament festgestellt werden, das
es schwangere Frauen besonders schwer hatten. Eine schwangere Frau kann nicht
anderes als weiblich klassifiziert werden und führte zu Feindseligkeiten
von Männern aber auch von Frauen:
„Frauen, deren Erfolg auf dem männlichen Konstrukt basiert, haben
sich von den Symbolen verabschiedet, durch die sie in der traditionellen weiblichen
Sphäre von Häuslichkeit und Natur verortet sind. Wenn eine ihrer
Kolleginnen die Symbole von Öffentlichkeit unverhohlen mit denen von
Weiblichkeit und Häuslichkeit in Verbindung bringt, fürchten sie,
selbst Gefahr zu laufen, als Frauen gesehen zu werden, was sie auf einer gewissen
Ebene ja sind. Alles in allem ist ihre Stellung in der dominanten Kategorie
labil“ (Rodgers zitiert nach: McDowell 2000, 187). Sexuelle Belästigung
am Arbeitsplatz und andere sexistische Verhaltensweise haben nicht nur aber
auch die Funktion Frauen an ihre Weiblichkeit und an ihre Fehlplatzierung
am Arbeitsplatz zu erinnern.
Für die Darstellung von Gender und Heterosexualität am Arbeitsplatz
ist die Erscheinung der Arbeitskraft am Arbeitsplatz zentral. Die Politik
des Erscheinens am Arbeitsplatz wird über die Kleidung hergestellt. Für
männliche Arbeitskräfte in der Hochfinanz gibt es nur einen Kleidungscode:
blauer Anzug und weißes Hemd, aber auch Gürtelschnalle und Krawatte
(als Phallussymbol) sind von Bedeutung. Das die Natur als asymmetrisch, verändernd
und wachsen wahrgenommen wird, hat die männlich-ästhetische Form
statisch, vollständig und kontrolliert zu sein. Das Image der männlichen
Arbeitskraft in den Banken, das den KundInnen präsentiert werden soll,
ist die „eines nüchternen, unauffällig gekleideten und vorzugsweise
heterosexuellen Familienvaters“ (McDowell 2000, 196).
Die Anforderungen an Frauen im Bereich Kleidung ist bei weitem höher.
In den Interviews, die McDowell geführt hat, kristallisierte sich heraus,
dass die weiblichen Beschäftigen verschiedene Strategie in der Kleiderfrage
hatten. Ein Strategie der Frauen ist ihre Differenz zur männlichen Norm
zu minimieren, „in dem sie ihre Weiblichkeit und ihre sexuelle Attraktion
gewissermaßen verkleiden“ (McDowell 2000, 196). Sie orientierten
sich an ihre männlichen Kollegen und versuchten ihre Erscheinung nachzuahmen.
„Die Verbindung aus den Wunsch, ’professionell’ (das heißt
männlich) auszusehen und dem Wunsch, die konventionell definierte Anziehungskraft
zu verringern, bringt ein besonderes, uniformes Aussehen für Frauen hervor“
(McDowell 2000, 197).
Anderen Frauen ging es nicht so sehr darum, die Geschlechterdifferenz zu verwischen,
als um die Hervorhebung des Statusunterschiedes. Ein Jackett zu tragen ist
wichtig für Frauen, damit sie nicht mit den Sekretärinnen verwechselt
werden. Sorgfalt gegenüber der Kleidung ist wichtig für die Markierung
des Statusunterschiedes zwischen Frauen.
Es gibt aber auch Frauen, die bewusst in Opposition zu den Kleidungscodes
gehen oder spielerisch und kreativ mit den verschiedenen Bildern spielen.
Nach dem Motto als was möchte ich mich heute repräsentierten.
In den personenbezogenen Dienstleistungsberufen hat die Selbstrepräsentation
von Gender die Funktion ein Image herzustellen, „das für die Interaktion
mit KundInnen akzeptabel erscheint, um eine Verhandlung zu einem erfolgreichen
Abschluß zu bringen“ (McDowell 2000, 199). Wenn es um den Kontakt
und die Beratung von KundInnen geht, sind die meisten männlichen Beschäftigten
mit folgender Aussage einverstanden:
„Frauen mögen ein natürlichen Vorteil haben, weil die Mehrheit
der Kunden männlich ist, und klarerweise sind ihre PR-Fähigkeiten
und die allgemeine Wärme, mit der sie auf jemanden zugehen, besser als
bei Männern, Ich glaube aber, dass Kunden schlussendlich einen sachlichen
Rat suchen, und wahrscheinlich ist es so, dass Männer möglicherweise
fähiger sind als Frauen, diesen Ratschlag ehrlich zu geben, selbst wenn
er nicht wirklich ehrlich ist“ (zitiert nach: McDowell 2000, 203). Hier
finden wir die klassische Definition von „weiblich“ und „männlich“
wieder.
Die Konstruktion einer Darstellung von Geschlecht und einer Präsentation
sexueller Identität ist integraler Bestandteil des Verkaufs, dabei ist
es egal, ob es sich um Kredite, Hamburger oder sexuellen Dienstleistungen
geht. „Der Verkauf dieser Produkte schließt auch den Verkauf des
Selbst mit ein“ (McDowell 2000, 205). Dabei gilt für Männer
und Frauen, dass sie an Arbeit etwas repräsentieren wollen und müssen,
was sie außerhalb nicht tun.
Fazit
Die gegenwärtigen Veränderungen sind aber nicht nur negativ zu betrachten. Der Neoliberalismus führt zu einer Individualisierung des Arbeitsmarktes, wo im Gegensatz zum Fordismus, die Beschäftigten nicht mehr als Masse oder Pool namensloser Arbeitskräfte betrachten werden, sondern als Individuen mit Stärken und Schwächen. Wissen, Information, Kommunikation und Kreativität sind Faktoren für die Wertschöpfung, die an die Arbeitskraft gekoppelt bleiben. Das Unternehmen kann sich diese Ressource nur über die Arbeitskraft selbst aneignen. Die Individualität des Einzelnen wird zur Grundlage der Wertschöpfungskette. Aber an dieser wunderbaren Welt der „postfordistischen Subjektivität“, die scheinbar mehr Autonomie und Freiheit bringt, können aber nur die teilhaben, die eine gutbezahlte Lohnarbeit in diesem Bereich besitzen. Negiert werden muss die ungleiche Verteilung von ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital und Ressourcen an Bildung und kommunikativen Kompetenzen, die Menschen von vornherein ausschließt. Erst recht werden werde die herrschenden Geschlechterverhältnisse noch die hegemonialen Formen von Weiblichkeit und Männlichkeit berücksichtigt.
Das „unternehmerische Selbst“ ist im Neoliberalismus „nicht nur Leitbild, sondern auch Schreckbild. Was alle werden sollen, ist zugleich das, was allen droht“ (Bröckling 2002, 25). Diese Drohung „macht auch vor jenen nicht halt, in deren Ohren die Erfolgsverheißungen wie blanker Hohn klingen müssen, weil ihnen ihre Überflüssigkeit täglich vor Augen geführt wird“ (Bröckling 2002, 24). In den informellen Ökonomien in Afrika, Asien, Osteuropa und Mittel- und Südamerika ist das „unternehmerische Selbst“ schon alltäglich, dort geht es aber nicht um mehr Autonomie und Kreativität und um ein Leben in Freiheit und Wohlstand, sondern darum den leeren Magen zu füllen. Das „unternehmerische Selbst“ wäscht Windschutzscheiben an den Straßenkreuzungen der Großstädte, sammelt Plastikflaschen in den Straßen von Lima, sucht nach verwertbaren auf den Müllhalden in Quito oder ist als Rosenverkäufer in Kneipen unterwegs, dort wo wir unser Bier trinken. Was für die Einen scheinbar neue Freiheiten bedeutet, ist für die Anderen Überlebenskampf pur. Die Ökonomisierung des Sozialen bedeutet in Kontext des „unternehmerischen Selbst“: „Das Risiko des eigenen Lebens zu managen, von Bildung bis Altersversorgung, (...) die Entstaatlichung von sozialer Verantwortung voranzutreiben. Oder anders gesagt: Diese Strategie verlegt kollektive Verantwortung aufs Individuum. Wer es nicht schafft, sein Leben zu regieren, hat sich nicht genug angestrengt“ (Pühl 2003, 122).
Aber was bedeutet die Figur des „unternehmerischen Selbst“ hier in Europa für eine gewerkschaftliche Organisierung? Welche Rolle spielt der Arbeitsplatz in den sozialen Kämpfen im entgrenzten Kapitalismus? Wo ist das Herz des kapitalistischen Systems, wenn es keine Trennung mehr zwischen Arbeitsplatz und Zuhause, zwischen Konsumtion und Produktion gibt? Wie sieht eine anarchosyndikalistische Organisierung unter diesen Bedingungen aus? Wie können die sogenannten „Ich AGs“ in die gewerkschaftlichen Kämpfe eingebunden werden? Alles Fragen auf die ich keine Antwort habe, die aber dringend gefunden werden müssen.
Literatur
- Bröckling, Ulrich: Jeder könnte, aber nicht
alle können. Konturen des unternehmerischen Selbst. In: Mittelweg 36
– Heft 4/2002
- Boudry, Pauline / Kuster, Brigitta / Lorenz, Renate: I cook for sex –
Eine Einführung. In: Boudry, Pauline / Kuster, Brigitta / Lorenz, Renate
(Hrsg.): Reproduktionskonten fälschen! Heterosexualität, Arbeit
& Zuhause, Berlin 2000
- Donzelot, Jacques / Meuret, Denis / Miller, Peter / Rose, Nikolas: Zur Genealogie
der Regulation. Anschlüsse an Michel Foucault, Mainz 1994
- Foucault, Michel: Geschichte der Gouvernementalität. Band 2: Geburt
der Biopolitik, Frankfurt am Main 2004
- Hardt, Michael / Negri, Antonio: Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt
am Main 2002
- Hochschild Russell, Arlie: Das gekaufte Herz: Zur Kommerzialisierung der
Gefühle, Frankfurt am Main 1990
- Hochschild Russell, Arlie: Bei der Arbeit zu Hause. In: Boudry, Pauline
/ Kuster, Brigitta / Lorenz, Renate (Hrsg.): Reproduktionskonten fälschen!
Heterosexualität, Arbeit & Zuhause, Berlin 2000
- Lazzarato, Maurizio: Verwertung und Kommunikation. Der Zyklus der immateriellen
Arbeit. In: Negri, Toni / Lazzarato, Maurizio / Virno, Paolo: Umherschweifenden
Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion, Berlin 1998
- Massey, Doreen: Männlichkeit, Dualismen und Hochtechnologie. In: Boudry,
Pauline / Kuster, Brigitta / Lorenz, Renate (Hrsg.): Reproduktionskonten fälschen!
Heterosexualität, Arbeit & Zuhause, Berlin 2000
- McDowell, Linda: Body Work. Die Darstellung von Geschlecht und Heterosexualität
am Arbeitsplatz. In: Boudry, Pauline / Kuster, Brigitta / Lorenz, Renate (Hrsg.):
Reproduktionskonten fälschen! Heterosexualität, Arbeit & Zuhause,
Berlin 2000
- Meschnig, Alexander / Stuhr, Mathias (Hrsg.): Arbeit als Lebensstil, Frankfurt
am Main 2003
- Miller, Peter / Rose, Nikolas: Das politische Leben regieren. In: Donzelot,
Jacques / Meuret, Denis / Miller, Peter / Rose, Nikolas: Zur Genealogie der
Regulation. Anschlüsse an Michel Foucault, Mainz 1994
- Moldaschl, Manfred / Voß, Günter G. (Hrsg.): Subjektivierung
von Arbeit, München/Mering 2002
- Mümken, Jürgen: Freiheit, Individualität und Subjektivität.
Staat und Subjekt in der Postmoderne aus anarchistischer Sicht, Frankfurt
am Main 2003
- Negri, Toni / Lazzarato, Maurizio / Virno, Paolo: Umherschweifende Produzenten.
Immaterielle Arbeit und Subversion, Berlin 1998
- Pongratz, Hans J. / Voß, Günter G.: Arbeitskraftunternehmer.
Erwerbsorientierungen in entgrenzten Arbeitsformen, Berlin 2003
- Postone, Moishe: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue
Interpretation der kritischen Theorie von Marx, Freiburg 2003
- Pühl, Katharina: Der Bericht der Hartz-Kommission und die „Unternehmerin
ihrer selbst“: Geschlechterverhältnisse, Gouvernemenalität
und Neoliberalismus. In: Pieper, Marianne / Gutiérrez Rodríguez,
Encarnación (Hrsg.): Gouvernementalität. Ein sozialwissenschaftliches
Konzept in Anschluss an Foucault, Frankfurt am Main/New York 2003
- Sennett, Richard: Der flexible Mensch. Die Kultur des Kapitalismus, München
2000
- Voß, Günter G.: Das Ende der Teilung von „Arbeit und Leben“?
In: Beckenbach, Nils / Treeck, Werner van (Hrsg.): Umbrüche gesellschaftlicher
Arbeit, Soziale Welt, Sonderband 9, Göttingen 1994