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aus: Der Einzige Nr. 26 - Mai 2004
Jörg Ulrich
Warum die Menschen wollen, was sie sollen
Jürgen Mümken analysiert den Herrschaftscharakter
postmoderner Subjektivität und Individualität
Eines der wichtigsten Themen der Gegenwart ist ohne Zweifel
die Frage nach der spezifischen Form herrschaftskonformer Subjektivierung
der Individuen in der postfordistischen bzw. postmodernen Phase der Entwicklung
einer kapitalistischen Weltgesellschaft, deren Charakteristikum, trotz der
immer wieder verbreiteten Freiheitseuphorie der intellektuellen Hofnarren
unserer Modernisierungspolitiker, mit geradezu erschreckender Evidenz in der
„Abwesenheit wirklicher Menschen“ (Richard Sennett) besteht.
Herrschaft wird nach einem jahrhundertelangen Zurichtungs- und Dressurprozess
nicht mehr über die Individuen ausgeübt – sie geht durch sie
hindurch, ist fest in ihrer geistigen, ja sogar in ihrer körperlichen
Konstitution verankert. Der individualisierte, der „flexible Mensch“
in der „Kultur des neuen Kapitalismus“ (Sennett) ist je für
sich genommen wahrhaft das Ensemble der gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse.
Jürgen Mümken ist in seinem neuen Buch über „Freiheit,
Individualität und Subjektivität“ den mit dieser neuen Herrschaftsform
gegebenen komplexen Fragestellungen mit großer Sorgfalt und mit umfangreichen
Analysen nachgegangen. Im Mittelpunkt der Überlegungen steht die Frage
nach der „freiwilligen Knechtschaft“ der Individuen, die sich
zunächst ausdrückt im „Willen zum Staat“. In dem Versuch,
poststrukturalistische Theoreme mit anarchistischen Denkansätzen zu vermitteln,
schaltet Mümken dem Kapitel über den Staat einige Bemerkungen zum
Poststrukturalismus vor, in erster Linie zu einigen für die eigene Untersuchung
wichtigen Aspekten aus den Arbeiten von Michel Foucault. Diese Vorgehensweise
rechtfertigt sich dadurch, dass „die Frage nach dem Subjekt und seiner
Subjektwerdung im Zentrum dieser Theorien“ (S. 18) steht. Wichtig ist
hier die Genealogie des Subjekts, der geschichtliche Weg der Konstitution
bzw. der Produktion von Subjektivität, auf dem die den Subjekten zunächst
äußerlichen Herrschaftstechniken tendenziell in diese selbst sozusagen
einwandern. In der Entwicklung des Staates zum Verwaltungsstaat ab dem 15./16.
Jahrhundert vollzieht sich der Wandel von der direkten Herrschaft von Menschen
über Menschen zur abstrakten Herrschaft von Verhältnissen. In dieser
von Foucault so genannten „Gouvernementalität“ wird „das
Leben der Menschen (...) zum kalkulierten Objekt von Regierungspraktiken“
(S. 33) und deren systematischer Produktion von „Normalität“
durch die Herrschaft des statistischen Mittelwertes, also einer abstrakten
Rationalisierung, welche die Gesamtheit der Individuen zum Allgemeinbegriff
der „Bevölkerung“ zusammenfasst.
Konkretisiert wird diese zunächst rein theoretisch vorgestellte Problematik
in dem folgenden ausführlichen Kapitel über den Staat und die verschiedenen
Spielarten der Staatskritik. Neben den wichtigsten Aspekten der anarchistischen
und der marxistischen Staatskritik geht es auch um die grundsätzliche
Darstellung der liberalen Staatsauffassung, hier vor allem um die zentrale
Bedeutung der Armutsfrage bzw. des Pauperismus, und schließlich um die
neuere Konzeption des „Empire“ von Michael Hardt und Antonio Negri.
Es würde in einer Kurzrezension zu weit führen, die außerordentlich
material- und detailreichen Ausführungen Mümkens zu diesen Themenkreisen
ausführlich zu referieren und zu würdigen. Doch bereits das Kapitel
über den Staat, soviel sei gesagt, ist eine wahre Fundgrube für
alle, die sich mit der hier skizzierten Thematik auseinandersetzen wollen.
Es folgt ein weiteres Kapitel über die einst von Adorno so genannte Problematik
des Identitätszwangs, die Mümken am Beispiel der Sex-Gender-Debatte
diskutiert. Das Subjekt befindet sich immer schon im Spannungsfeld zwischen
Autonomie und Heteronomie. Seine Identität, auch und gerade als Geschlechtsidentität,
ist ein geschichtlich-gesellschaftliches Produkt und keine Naturqualität.
Deshalb ist diese Identität als quasi natürliche zu dekonstruieren,
wie überhaupt der Begriff des authentischen, des mit sich selbst identischen
Menschen insgesamt als ein soziales Konstrukt und die Basis der Macht- und
Herrschaftsentwicklung in der Moderne bzw. Postmoderne kritisch unterlaufen
werden muss. An dieser Stelle kommt Max Stirner ins Spiel als der Identitätsverweigerer
schlechthin. Im anschließenden Kapitel versucht Mümken, einige
Parallelen zwischen Stirner und dem Poststrukturalismus, insbesondere demjenigen
Foucaults, zu ziehen, wobei vor allem der bei beiden Theoretikern zentrale
Antihumanismus hervortritt. „Stirner stellte wie auch später Foucault
den humanistischen Konsens seiner Zeit radikal in Frage. Stirner beobachtet
im Säkularisierungsprozess und durch die Aufklärungsvernunft eine
Verinnerlichung von Normen und der Fortschritt und der Humanismus erschienen
ihm als ’Dressur‘ zur Menschlichkeit.“ (S. 223) Beide, Stirner
und Foucault, sehen im Siegeszug der bürgerlichen Vernunft den Übergang
von der Pastoralmacht zur Disziplinarmacht. „Das christliche Dreieck
’Gott – Kirche – Glaube‘ wird durch das liberale 'Mensch
– Staat – Wissenschaft‘ ersetzt.“ (S. 220 f)
Wie also ist Freiheit zu denken und vor allem zu leben, wenn, wie Mümken
im Anschluss an Foucault herausarbeitet, selbst die Techniken der Befreiung,
sofern sie sich im Rahmen der herrschenden Logik und Vernunft bewegen, zu
einer Weiterentwicklung und Verfeinerung von Macht und Herrschaft beitragen?
Zum Abschluss skizziert der Autor eine ganze Reihe von Freiheitskonzeptionen
und kommt zu dem Schluss, dass der Freiheitsbegriff auf jeder jeweils geschichtlich
erreichten Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung neu gedacht und neu formuliert
werden muss. „Es ist notwendig und wichtig, unseren Blick auf die Herrschafts-
und Ausbeutungsverhältnisse zu richten und alle theoretischen und praktischen
Werkzeuge zu benutzen, die uns helfen unser Ziel zu erreichen: Die Freiheit
aller Menschen in einer freien Gesellschaft, die Anarchie!“ (S. 278)
Problematisch daran bleibt allenfalls die hier vorgenommene Selbstidentifikation
des Autors als Anarchist. Warum sich identifizieren, sich ausweisen? Wenn
die Freiheit aller Menschen in einer freien Gesellschaft jemals erreicht werden
sollte, dann bedarf dieser Zustand sicher keiner Etikettierung. Ist es nicht
schon ein Zeichen der Widerständigkeit, sich durch Identifikationsverweigerung
dem herrschenden Identitätszwang zu entziehen?
Wie dem aber auch immer sein mag: Jürgen Mümken hat ein äußerst
verdienstvolles Buch geschrieben, dessen Lektüre all denen wärmstens
zu empfehlen ist, die mit dem Autor ebenso wie mit seinem Rezensenten das
unbezähmbare Bedürfnis verspüren, die heute immer noch andauernde,
jetzt allerdings im Unterschied zu früheren Zeiten in den Subjekten verankerte
Knechtschaft zu überwinden.