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Gabriel Kuhn: Jenseits von Staat und Individuum. Individualität und autonome Politik, Münster 2007, Unrast Verlag
Antiindividualistische Individualität
Der Mensch, von dem man uns spricht und zu
dessen Befreiung man einlädt, ist bereits in sich das Resultat einer
Unterwerfung, die viel tiefer ist als er.
Michel Foucault
Seit dem Auftauchen des neuzeitlichen Individuums im 16.
Jahrhundert sind die Menschen einem permanenten Prozess der Individualisierung
ausgesetzt. Diese Entwicklung bedeutet Befreiung und neue Unterwerfung. Der
Neoliberalismus bedeutet zum einem ein weiterer Individualisierungsschub
innerhalb dieses geschichtlichen Prozesses und zum anderen den erweiterten
Zugriff des Kapitals auf die Individualität und Subjektivität der Menschen. Im Unrast-Verlag
ist im vergangenen Jahr ein Buch erschienen, das sich mit den kollektiven
politischen Ansprüchen in einer individualisierten und individualistischen
Gesellschaft auseinandersetzt. In „Jenseits von Staat und Individuum“
rekonstruiert Gabriel Kuhn den neuzeitlichen Individualismus und das Verhältnis
von Staat und Individuum. Gegen den neuzeitlichen Individualismus setzt er
auf eine „antiindividualistische Individualität“.
Das Auftauchen des Individuums sollte den Menschen aus den verschiedenen
Abhängigkeiten
nach und nach befreien, doch diese Sichtweise ist zu einfach. Das neuzeitliche
Individuum hat die „Einzelnen eingesperrt, anstatt sie zu befreien,
und das, was als 'Befreiung’ übrig bleibt, ist tatsächlich
eine Freisetzung“ (Kuhn 39). Durch diese Freisetzung findet eine Zerstörung
sozialer Kollektivität statt. So wird aus dem Individuum eine Gefängnis
des Einzelnen oder in den Worten von Foucault, „dass die Macht des Staates
… ein zugleich individualisierende und totalisierende Form der Macht
ist“ (zitiert nach: Kuhn 47). Individualisierung bedeutet nicht Freiheit
und Individualität sondern ist Bedingung staatlicher Totalität.
„Individuum und Staat bedingen sich gegenseitig: wo die eine Idee auftaucht,
ist die andere nicht fern“ (Kuhn 48). Das Individuum verdammt den Menschen
dazu ein isolierter Einzelner zu sein. Der Einzelne wird zu einem vom Staat
kontrolliertem und verwaltetem Individuum. Das Individuum besitzt nicht wie
der Einzelne eine freie Individualität, sondern ist das Ergebnis von
Individualisierung und Homogenisierung. Der Staat hasst die Heterogenität
die Menge, die Multitude, er liebt die Homogenität, er homogenisiert
die Multitude zum Volk, das er besser beherrschen kann. So stellen unkontrollierte
Gruppe eine Bedrohung für den Staat dar, „weil sie für nicht-staatliche
Formen sozialer Zusammenhänge steht“ (Kuhn 51). Die Gewerkschaften
stellten zu Beginn eine solche Bedrohung dar. Der Staat hat zwei Möglichkeiten
sie zu bekämpfen oder sie zu verstaatlichen. Für die Disziplinierung
der ArbeiterInnen hat sich die Verstaatlichung der Gewerkschaft – wie
sie in den westlichen Industriestaaten stattgefunden hat, am meisten ausgezahlt.
Wenn Gewerkschaften – wie jüngst die Gewerkschaft der LokführerInnen
– nicht mehr selber bestimmen kann, wie und wofür sie streiken,
sondern sich dies von Staat und Kapital vorschreiben lassen, haben sie ihre
eigentliche Funktion verloren.
Der Staat hat Angst vor der gelebten Kollektivität: „Gesetze werden
verabschiedet, um nicht-kontrollierte Gruppenbildungen zu vermeiden; Demonstrationen
werden zerschlagen und kriminalisiert; soziale Zentren werden geschlossen;
autonom aufgebaute Lebensräume werden unaufhörlich malträtiert;
die harmlosesten individuellen Protestformen werden zum Anlass, eine staatsbedrohende
Szene auszumachen und zu verfolgen; Jugendgangs werden zur Bedrohung für
die Staatssicherheit hochstilisiert; und selbst Fußballstadien werden
zu modernsten Sitzplatzarenen umgebaut, um die unüberschaubaren Fangruppen
auf den Stehplätzen loszuwerden“ (Kuhn 52). Gegen diesen Wahnsinn
helfen nur zwei Dinge: gelebte Kollektivität und antiindividualistische
Individualität. Dies heißt für Kuhn, dass eine konsequente
Kritik am neuzeitlichen Individualismus anti-bourgeoise Lebensformen einfordern
muss. Mit Foucault gesprochen, müssen wir neue Formen der Subjektivität
hervorbringen, indem wir die Art von Individualität, die man uns jahrhundertelang
auferlegt hat, zurückweisen. Auch in einer zukünftigen freien Gesellschaft
löst sich die Frage der Individualität und ihr Verhältnis zur
Gemeinschaft nicht in Luft auf, so bemerkt Kuhn, „das den Einzelnen
in einer kollektiven Lebensgemeinschaft ein Wert zukommen muss, der gerade
in ihrer Individualität besteht, und das deshalb eine antiindividualistische
Gruppe nicht kein Verständnis von Individualität braucht, sondern
ein antiindividualistisches“ (Kuhn 90). Es geht Kuhn um eine Individualität
und Kollektivität jenseits von Staat und verstaatlichtem Individuum.
Das Ziel muss eine antiindividualistische Kollektivität sein, in der
die Individualität des Einzelnen seinen Raum bekommt. So will die antiindividualistische
Praxis nach Kuhn „nicht die Befreiung des Individuums vom Staat, sondern
sie richtet sich gegen die Erzeugung des Individuums durch den Staat“
(Kuhn 105). Nach der Rekonstruktion des Individuums hat Kuhn die antiindividualistische
Individualität skizziert, dabei ist er der Frage nach der Individualpolitik
nachgegangen und hat sich auf der Suche nach Kollektivität gemacht, am
Ende kommt heraus: „… der Staat bleibt der Feind. Und das Individuum
sowieso“ (Kuhn 158).