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Hans Jürgen Degen / Jochen Knoblauch: Anarchismus. Eine Einführung. Reihe: theorie.org, Stuttgart 2006, Schmetterling Verlag
theorie.org: Anarchismus
Die Reihe „theorie.org“, die seit einiger Zeit im
Schmetterling Verlag erscheint, will die zentralen Themen linker Debatten
aufarbeiten und ihre Resultate zusammenzufassen. In der Reihe sind bereits
Bücher zur Feministischen Theorie, Situationistischen Revolutionstheorie,
zum Internationalismus und anderen Themen erschienen und ein Band zum Postoperaismus
ist in Vorbereitung. Der aktuelle Band der Reihe hat den Anarchismus –
genauer gesagt den klassischen Anarchismus – zum Thema.
Für die beiden Autoren Hans Jürgen Degen und Jochen Knoblauch dieser
Einführung in den (klassischen) Anarchismus gibt es nicht den Anarchismus,
sondern mehrere Anarchismen, da es keine allgemeinverbindliche inhaltliche
Bestimmung des Anarchismus bzw. der Anarchie geben kann. Trotzdem gibt es
für AnarchistInnen verbindlichen Attribute: „Anti-Autoritarismus,
Anti-Staatlichkeit, Anti-Zentralismus, Anti-Kapitalismus, Anti-Patriachismus,
Anti-Rassismus, Anti-Sexismus“ (S. 6). Auch ist es für die Autoren
nicht notwendig, dass sich heutigen AnarchistInnen auf die KlassikerInnen
und ihre Ideen berufen.
Um die differente Ideenwelt des Anarchismus mit seiner Theorie, Praxis und
Geschichte darzustellen, haben die Autoren ihre Einführung in drei wesentliche
Kapitel unterteilt: „Klassiker des Anarchismus“, „Konfrontationen“
und „Anarchismus und Praxis. Anarchismus und Revolution“: In kurzen
Kapiteln werden zunächst die Ideen der wichtigsten KlassikerInnen dargestellt.
Für Degen und Knoblauch sind sie keine Ikonen, sondern nur IdeengeberInnen,
deren Theorien von AnarchistInnen revidiert und weiterentwickelt werden können.
Im Kapitel „Konfrontationen“ wird sich mit den verschiedenen Kampflinien
der Anarchismen auseinandergesetzt. Hier geht es um Staat, parlamentarische
Demokratie, Kapitalismus, Gewerkschaft und Anarchosyndikalismus, Gewalt und
Militarismus. Hier fehlt der Kampf gegen das Patriarchat als eine wichtige
Konfrontationslinie mit den herrschenden Verhältnisse. Die anarchistische
Praxis wird von Degen und Knoblauch anhand der revolutionären Ereignisse
von der Französische Revolution 1789 bis zu Spanischen Revolution 1936-1939
dargestellt. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es auch eine anarchistische
Praxis in nicht-revolutionären Phasen gab, von der Gründung von
Kommunen bis zu den Arbeitskämpfen anarchosyndikalistischer Gewerkschaften.
Enttäuschend ist aber das Kapitel Resümee und Schlussbetrachtung,
denn anscheinend hat es nach 1945 keine wesentliche Weiterentwicklung des
Anarchismus gegeben, zwar gehen die Autoren auf kurz auf den Neo-Anarchismus
in Folge der 68er Bewegung ein, doch mehr scheint es nicht gegeben zu haben.
Der Anarcha-Feminismus wird auf nicht mal einer Seite angehandelt, der Libertäre
Kommunalismus von Bookchin findet gar nicht statt, aber auch die aktuelle
Diskussion innerhalb des Anarchismus vom Zapatismus der EZLN bis zur Rezeption
poststrukturalistischer Theorie finden keine Erwähnung. Welche Rolle
spielt der Anarchismus in den Neuen Sozialen Bewegung, vom Häuserkampf
bis zu den globalisierungskritischen Bewegungen?
Bei allen Schwächen und Lücken ist der Band eine kurze, ausführliche
und übersichtliche Einführung in die Ideenwelt und Geschichte des
klassischen Anarchismus. Für den aktuellen Anarchismus bedarf es dann
noch eines zweiten Bands.