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Steve Wright: Den Himmel stürmen. Eine Theoriegeschichte
des Operaismus
Assoziation A
„Unsere Sabotage organisiert den proletarischen 'Sturm
auf den Himmel’“
Mit „Den Himmel stürmen“ von Steve Wright liegt
endlich die erste umfassende Theoriegeschichte des italienischen Operaismus
in deutscher Sprache vor. Der Verlag Assoziation A hat damit ein weiteres
wichtiges Buch zum Verständnis linksradikaler Nachkriegsgeschichte in
Italien herausgebracht. Vor einigen Jahren erschien schon „Die goldene
Horde“ von Primo Moroni und Nanni Balestrini, das sich mit Arbeiterautonomie,
Jugendrevolte und dem bewaffneten Kampf in Italien befasst.
Der Operaismus als neuer klassenpolitischer Ansatz entstand in den 60er Jahren
in Italien in Opposition zur traditionellen kommunistischen und sozialistischen
ArbeiterInnenbewegung, die vor allem in der PCI (Partito Comunista Italiano),
der PSI (Partito Socialista Italiano) und ihren Gewerkschaften organisiert
war und ist. Die operaistische Kritik richtete sich gegen den Reformismus
und Staatsinterventionismus der PCI, PSI und den traditionellen Gewerkschaften
und gegen die „absurde Gleichsetzung von Arbeiterklasse und Partei“
(Panzieri). Während die PCI und andere traditionelle Linke in der Arbeit
ein Potential der Befreiung sahen, verlangten Operaisten wie Antonio Negri
eine Befreiung von der Arbeit.
In seiner Darstellung der Geschichte und Theoriebildung des Operaismus dokumentiert
Steve Wright die Wandlung des operaistischen Denkens im Spannungsfeld von
Autonomie und Organisation, vom Auftritt des „Massenarbeiters“
in den großen Fabriken bis zur Entdeckung des „gesellschaftlichen
Arbeiters“ zur Zeit der Autonomia. Als Leitfaden durch die Theoriegeschichte
wählte Wright den Begriff der „Klassenzusammensetzung“. Der
Operaismus beschäftigt sich mit dem Verhältnis Fabrik und Gesellschaft,
das Subjekt des Operaismus ist der „männliche, weiße Fabrikarbeiter“.
Die Fixierung auf die Fabrik geschieht vor Hintergrund des Industrialisierungsschubes
den Italien in den 50er und 60er Jahren erlebte und der massive gesellschaftliche
Umbrüche mit sich brachte, die eine neue Schicht von „Proletariern“
hervorbrachte.
Aufgrund der Komplexität kann innerhalb einer Rezension der Operaismus
und seine Geschichte nicht erschöpfend dargestellt werden. Wright beginnt
mit der Darstellung der Zirkel um die Zeitungen „Quaderni Rossi“
(Rote Hefte) und „Classe Operia“ (Arbeiterklasse) und den Anfängen
der sogenannten „Arbeiteruntersuchung“, die sich mit den Kämpfen,
Bedürfnissen und Einstellungen der ArbeiterInnen befasst und es ermöglicht
die Klassen(neu)zusammensetzung und die Klassenkämpfe zu analysieren.
Mit Mario Tronti wird eine der zentralen Thesen des Operaismus verbunden,
dass die Kämpfe der ArbeiterInnenklasse als der Motor der kapitalistischen
Krise gesehen werden. Während in der Regel innerhalb des Marxismus –
aber auch des kommunistischen Anarchismus und des Anarchosyndikalismus –
zuerst auf die kapitalistische Entwicklung gesehen wird und dann die ArbeiterInnenkämpfe
als eine Reaktion darauf betrachtet werden, wird diese Sichtweise innerhalb
des Operaismus verworfen. Die kapitalistische Entwicklungsdynamik wird im
operaistischen Ansatz nicht in der innerkapitalistischen Konkurrenz gesehen,
sondern in den Klassenkämpfen, in Antagonismus von Arbeit und Kapital.
Die Arbeitszeitverkürzung wird als Ergebnis von Arbeitskämpfen und
als Angriff auf die Profitrate verstanden. Wenn der Profit aber gleich bleiben
soll, kann dies nur durch die Steigerung der Produktivitätsrate geschehen.
Diese ist aber nur durch die Umorganisation der Arbeit und den Einsatz neuer
Technologien möglich. Die Entwicklung der Produktivkräfte ist eine
Reaktion des Kapitals auf die Arbeitskämpfe, um die Profitrate zu erhalten
bzw. zu steigern. Eine weitere Reaktion des Kapitals auf die Arbeitskämpfe
gegen die kapitalistische Organisation der Arbeit ist die „Neuzusammensetzung
der Klasse“, ricomposizione di classe. Es findet im Zuge der Restrukturierung
der Fabriken und der Suche nach neuen Formen der Arbeitsorganisation eine
permanente Umstrukturierung und Neuzusammensetzung der Klasse statt. Diese
zunächst „technologische Neuzusammensetzung“ wird durch ein
Bewusstseinsprozess eine „politische Neuzusammensetzung“. Aus
der „Klasse an sich“ wird eine „Klasse für sich“;
ein neuer Kampfzyklus der ArbeiterInnenklasse beginnt.
Das zentrale Subjekt des Operaismus ist der „Massenarbeiter“ der
tayloristisch-fordistischen Fabrik, doch die Restrukturierungsprozesse in
den Fabriken, die mit der Krise des Fordismus in den Jahren 1973/74 beginnt,
führt zu einer Zersetzung des „Massenarbeiters“ als politisches
Subjekt des Operaismus. Negri und andere blicken nun nicht mehr nur auf die
Fabrik, sondern vermehrt auf die Gesellschaft, die gesamte Gesellschaft wird
zum Ort des Kampfes gegen den Kapitalismus, die Fabrik und der Arbeitsplatz
ist nur noch ein Ort und anderen. Auch die Frauenbewegung und die Studentenbewegung
mit ihren Kämpfen machten eine Neuformulierung notwendig. Die Fabrik
als Ort der Kämpfe gegen Staat und Kapital hat ihre Zentralität
verloren. Die ganze Gesellschaft für zum „umkämpfen Raum“.
Die Vorstellung des Massenarbeiters wird zugunsten eines neuen Klassenbegriffs
– dem „gesellschaftlichen Arbeiter“ – fallengelassen.
Damit beginnt das Ende des Operaismus und der kurze Sommer der Autonomia im
Jahre 1977.
Antonio Negri sieht heute in der Multitude das neue „politisches Subjekt“
des Post-Operaismus.