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Stefan Paulus: Zur Kritik von Staat und Kapital in der kapitalistischen Globalisierung, Verlag Edition AV
Kapital, Staat und Globalisierung
Globalisierung ist zu einem zentralen Begriff der politischen
Debatte seit den Ereignissen während der WTO-Tagung 1999 in Seattle geworden.
Seitdem steht auch die so genannte „Antiglobalisierungsbewegung“
im Blickpunkt der Medien. Die Angehörigen dieser neuen sozialen Bewegung
sehen sich als GlobalisierungsgegnerInnen bzw. GlobalisierungkritikerIn-nen.
Die Ersten lehnen die Globalisierung grundsätzlich ab, während die
Letzteren der „Globalisierung von oben“ eine „Globalisierung
von unten“ entgegensetzen wollen. Gemeinsam ist allen Angehörigen
der „Antiglobalisierungsbewegung“, dass sie die neoliberale Variante
des Kapitalismus ablehnen. Doch eine grundsätzliche Ablehnung des Kapitalismus
wird nicht von allen geteilt. In der „Antiglobalisierungsbewegung“
findet sich auch immer wieder personalisierte und verkürzte Kapitalismuskritik,
die sich häufig antisemitisch äußert. Hier setzt das Buch
Zur Kritik von Staat und Kapital in der kapitalistischen Globalisierung von
Stefan Paulus an.
Paulus beginnt mit der Darstellung der Globalisierung des Kapitalismus. In
seiner Geschichte hat der Kapitalismus verschiedene Gesichter angenommen.
Es sind die technologischen Entwicklungen und die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse
die Einfluss auf die jeweilige kapitalistische Formation nehmen. Paulus erläutert
zentrale Begriffe wie Regulationsweise und Akkumulationsregime und stellt
die kapitalistische Formation Fordismus und seine Krise dar.
Danach kommt für mich das wichtigste Kapitel Buches, darin beschäftigt
er sich mit der verkürzten Kapitalismuskritik. Hier geht es in erster
Linie um die Verbindung von Antisemitismus und Kapitalismuskritik. Von Luther
über Hitler bis in die heutige Zeit gibt einen Zusammenhang zwischen
Antisemitismus und dem Arbeitsbegriff in Deutschland. Luther unterschied zwischen
„ehrlicher Arbeit“ und „jüdischer Nicht-Arbeit“.
Bei Hitler wurde aus der „ehrlichen Arbeit“ die „deutsche
Arbeit“ und heute geht es immer noch darum von „ehrlicher Arbeit“
leben zu können(1). In dem Buch von Paulus steht aber
die Unterscheidung in Finanz- und Börsenkapital und Industriekapital
im Vordergrund, die an die nationalsozialistische Un-terscheidung in „schaffendes“
und „raffendes“ Kapital nicht nur erinnert. Durch diese Unterscheidung
soll die Einheit von Produktion und Zirkulation auseinander gerissen und der
Kapitalismus auf die Zirkulationssphäre reduziert werden. Die Warenproduktion,
die Produktionsverhältnisse und die Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln
spielen keine oder kaum eine Rolle innerhalb dieser verkürzten Kapitalismuskritik.
Paulus geht hier zunächst auf den anarchistischen Mutalisten Proudhon
und dem Freiwirtschaftler Gesell ein. Für Proudhon sollte der Tauschwert
der Waren durch benötigte Arbeitszeit in Form von Arbeitszeitzetteln
bemessen werden. Diese sollten dann von einer Tauschbank verwaltet werden.
Dadurch wer-den aber die zentralen Momente der kapitalistischen Ökonomie
die Warenform der produzierten Güter und Dienstleistungen und die Lohnarbeit
beibehalten. Gesell will die Warenzirkulation durch sein „Schwundgeld“
in Gang halten. Da Schwundgeld mit der Zeit immer weniger Wert wird, ist das
Anhäufen von Geld völlig unrentabel. Gesell will dadurch erreichen,
dass das Geld ständig ausgeben wird, und dadurch für immerwährendes
Wachstum sorgen. Auch ATTAC vertritt diese verkürzte Kapitalismuskritik.
ATTAC will „die Finanzmärkte entwaff-nen“, das Finanzkapital
gilt als parasitär und dessen Finanzspekulationen soll durch die Einführung
einer Tobinsteuer reguliert werden. Auch ATTAC teilt das Kapital in „schaffendes“
und „raffendes“ Kapital ein und über keine Kritik an die
gesamten gesellschaftlichen Verhält-nisse.
Nach einer ausführlichen Darstellung der verkürzten Antikapitalismuskritik
– in der auch der völkischen Antikapitalismus der NPD und der „Neuen
Rechte“ behandelt wird – kommt Paulus zu den Eckpunkten einer
unverkürzten Kapitalismuskritik Ware, Wert, Arbeit und Staat.
Kritik habe ich an dem von Paulus verwendeten Klassenbegriff. Paulus geht
bei seiner Kapitalismuskritik von einer „Klasse an sich“ aus.
Die gesellschaftlichen Klassen sind das Resultat der gesellschaftlichen Arbeitsteilung
und umfassen „soziale(n) Gruppe(n) und Individuen, die auf gleiche Weise
ihren Lebensunterhalt produzieren“ (S. 112). Doch diese Zugehörigkeit
sagt nichts über die gesellschaftlichen Vorstellungen der LohnarbeiterInnen
aus. Warum soll ich mich auf LohnarbeiterInnen beziehen, die den Kapitalismus
wollen, die sich positiv auf die deutsche Nation und das deutsche Volk beziehen?
Warum soll ich mich auf LohnarbeiterInnen beziehen, die für die Abschiebung
von Flüchtlingen sind, die an der deutsch-polnischen Grenze illegal einreisende
Menschen beim BGS denunzieren? Es ist nicht wichtig, wo jemand in der aktuellen
Gesellschaft verortet ist, es wichtig in was für einer Gesellschaft sie
oder er leben will. Den Kapitalismus und die Staatlichkeit befürwortende
LohnarbeiterInnen sind auf jeden Fall meine politischen GegnerInnen, daran
ändert ihre „Klassenzugehörigkeit“ nichts.
Trotz dieser Kritik und der etwas zu kurz geratenen Staatskritik ist das Buch
von Paulus vor dem Hintergrund der aktuellen Antiglobalisierungsdebatte ein
wichtiger Beitrag zur Kapitalismuskritik.
(1) Ausführlicher zum Geschichte des antisemitischen Arbeitsbegriffes in Deutschland: Holger Schatz / Andrea Woeldike: Freiheit und Wahn deutscher Arbeit. Zur historischen Aktualität einer erfolgreichen antisemitischen Projektion, Münster 2001