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aus: Semesterspiegel - Zeitung der Studierenden an der Universität Münster Nr. 356/2005
Thorsten Hallman
Die Postmoderne, so scheint’s, ist nach wie vor ein Pudding
im politischen Koordinatensystem der Linken, oft geschmäht als theoretisch-methodische
Beliebigkeit, passend zum bastelbiographischen Individualismus linksliberaler
Lifestyle-Eliten. Kein Schwarz-Weiß, keine Wahrheit, nicht wie beim
guten alten Marx alles fein logisch abgeleitet bis zum bitteren Ende und zum
geschlossenen Weltbild.
Das von Jürgen Mümken herausgegebene und im Frühjahr im Frankfurter
Verlag Edition AV erschienene Bändchen „Anarchismus in der Postmoderne“
versucht, linkslibertäres (antikapitalistisch-antiherrschaftliches) Denken
und Handeln anhand der unter „Postmoderne“ subsumierten Debatten
und Theorieströmungen zu aktualisieren. Der Buchtitel verleitet sprachlich
jedoch zu Kurzschlüssen, in dem er einen Anarchismus in eine Beziehung
zu einer Postmoderne setzt. Tatsächlich schlagen die sechs Autoren (!)
in acht Beiträgen einen weiten Bogen verknüpfen sehr unterschiedliche
Aspekte linker Theorie und Praxis zu einem dichten und keinesfalls widerspruchsfreien
Geflecht.
Die Postmoderne wird zunächst als - keineswegs „beliebige“
- theoretische Strömung betrachtet, die dezidiert jeden Wahrheits- und
Objektivitätsanspruch, nicht jedoch moralisch begründete Kritik
der Gesellschaft verneint, und sich zum Zwecke des Verständnis dieser
den kognitiven, sprachlichen und kulturellen Praktiken der Selbstkonstitution
und Machtausübung zuwendet. Hierzu zählen etwa Poststrukturalismus,
Dekonstruktivismus und Postfeminismus (Michel Foucault, Jacques Derrida, Judith
Butler...). Zeitdiagnostisch hingegen zählen zur Postmoderne neue hegemoniale
Regime (Neoliberalismus, Biopolitik) und womöglich eine neue Form der
Widerständigkeit – etwa der Zapatismus als „erste Rebellion
des 21. Jahrhunderts“.
Am anderen Pol des Beziehungsgeflechts geht es nicht nur um den klassischen
Anarchismus, sondern auch um Klassenkampf, Veganismus, traditionell-herrschaftsfreie
Gesellschaften und wiederum Zapatismus – mancher land-, besser stadtläufige
Anarchist würde dies alles als überaus unanarchistisch geißeln.
Das nur nebenbei.
Aber halt, da fehlt doch was? Im klassischen Anarchismus sträflich unterbelichtet,
jedoch in der Postmoderne kaum zu umgehen: die Geschlechterfrage. In diesem
Band finden sich nur ziemlich beiläufige Annäherungen daran, etwa
auf dem Umweg über Veganismus und Anthropozentrismus statt. Ansonsten
klafft hier eine Lücke, wie die Autoren selbst zugeben.
Das ganze Unterfangen ist dennoch lohnens- und das Buch sehr lesenswert. Die
Beiträge von Torsten Bewernitz, Ralf Burnicki, Olaf Kaltmeier, Jens Kastner,
Jürgen Mümken und Bernd-Udo Rinas bieten meist theoretisch fundierte,
differenzierte und oft praxisnahe Reflexionen des Diskussionsstands und Impulse
zum Weiterdenken für eine außer- bis antiparlamentarische linke
Perspektive.