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Jürgen Mümken (Hrsg.)
Anarchismus in der Postmoderne
Beiträge zur anarchistischen Theorie und Praxis
Mit Beiträgen von Ralf Burnicki, Torsten Bewernitz, Olaf Kaltmeier, Jens Kastner, Jürgen Mümken und Bernd-Udo Rinas
Der vorliegende Sammelband setzt sich mit Teilaspekten der anarchistischen Diskurse mit und in der Postmoderne auseinander. Postmoderne – Globalisierung – Neoliberalismus haben die gesellschaftlichen Realitäten und deren Wahrnehmung verändert, so dass einige der Voraussetzungen des klassischen Anarchismus überholt sind und in Frage gestellt werden müssen. Der Staat, das Kapital, das Patriarchat usw. haben ihr Gesicht verändert. Begriffe wie Freiheit und Autonomie stehen im Zentrum der neoliberalen Herrschaft. Das Vokabular der Moderne reicht zur Analyse und Kritik gegenwärtiger Gesellschaften nicht mehr aus, denn veränderte Verhältnisse verlangen eine neue Sichtweise. Die Aufgabe anarchistischer Kritik ist es, einen Diskurs über die Krise zu entwickeln, der nicht symmetrisch zum herrschenden Diskurs verläuft.
In dem ersten Beitrag Anarchismus in der Postmoderne stellt
Jürgen Mümken, das Verhältnis des Anarchismus zur Moderne und
Postmoderne dar. Der klassi-sche Anarchismus orientiert sich stark an die
Moderne, die Postmoderne hat die gegenwärtigen Gesellschaften und die
Sichtweise auf diese verändert. Eine anarchistische Theorie muss diesen
Prozess reflektieren. Der von Mümken vorgestellte Postanarchismus ist
eine mögliche Form der Reflektion und der Weiterentwicklung anarchistischer
Theorie und Praxis. Das Subjekt, die Macht und andere Felder werden mit Hilfe
poststrukturalistischer Theorie im Anarchismus neu gedacht.
Mit dem anarchistischen Staatsverständnis unter neoliberalen Bedingungen
beschäftigt sich Jens Kastner in seinem Beitrag Autorität, Verhältnis,
Effekt gegen Repräsentation und Gewaltmonopol, denn auch Angesichts der
neoliberalen Umstrukturierungen bleibt der Staat ein entscheidender Akteur
des politischen Feldes. Kastner stellt das Staatsverständnis der klassischen
Anarchisten Bakunin und Landauer vor, um sich dann Foucault, Agamben und Boltanski/Chiapello
zu zuwenden. Bei Foucault steht der Staat als Effekt von Machtverhältnisses
im Zentrum und bei Agamben der Ausnahmezustand als Antwort der Staatsgewalt
auf die aktuelle Krisensituation. Boltanski/Chiapello beschreiben die Ver-
und Anwendung zentraler Vokabeln wie Selbstverwaltung eines ehemals libertären
Milieus im herrschenden Diskurs des Neoliberalismus. Kastner konstruiert entlang
der Kritik am Gewaltmonopol sowie der Repräsentationskritik eine Linie
vom klassischen Anarchismus zur postmodernen Theorie.
In Anarchismus, Neoliberalismus und Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat
geht Jürgen Mümken der Differenz zwischen einem anarchistischen
und neoliberalen Freiheitsbegriff nach. Indem der Neoliberalismus prinzipiell
alles den gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen überlässt, suggeriert
er neue Frei-heiten. Der ökonomische Nutzen definiert die neoliberale
Freiheit. Der Beitrag zeigt auf, dass die neoliberale antistaatliche Rhetorik
nichts mit einer anarchisti-schen Antistaatlichkeit und Freiheitskonzeption
zu tun hat.
Auch in einer nichtstaatlichen Gesellschaft müssen Entscheidungen getroffen
werden. So stellt Ralf Burnicki in Anarchismus und Konsens den Konsens als
ein Entscheidungsbeispiel für eine herrschaftslose „postmodernitäre“
Gesellschaft vor. Eine anarchistische Entscheidungstheorie opponiert gegen
die Formen der politischen Repräsentation und gegen das Mehrheitsprinzip
gegenwärtiger Demokratien. Für Burnicki verkörpert das neo-anarchistische
Konsensprinzip die Aussicht auf ein Entscheidungsmodell, das in klassische
Revolutionsbestrebun-gen des Anarchismus integriert werden kann als ein ideales
Entscheidungsmodell einer künftigen Gesellschaft der Freien (Heterogenen)
und Gleichberechtigten.
In einem weiteren Beitrag befasst sich Torsten Bewernitz mit den Problemen
des Klassenkampfes in der Postmoderne aus einer anarchosyndikalistischen Perspektive.
Die Differenz zwischen anarchosyndikalistischen und postmodernen Ansätzen
scheint in der von den anarchosyndikalistischen Gewerkschaften und Gewerkschaftsinitiativen
betriebenen Identitätspolitik bzgl. der Klassen zu liegen, die einem
postmodernen identitätskritischen Ansatz entgegenzustehen scheint. Bewernitz
zeigt in seinem Beitrag, dass dies nicht so sein muss. Ausgehend von dem Verständnis
von Klassen bei Marx, Bourdieu und im Anarchosyndikalismus geht er der Frage
nach, ob es noch Klassen in der Postmoderne gibt, dabei wird das Problem von
Klasse und Identität nicht ausgeblendet. Die Theorien von Foucault, Gramsci,
Derrida und Butler sind weitere Bezugspunkte bei der Beschäfti-gung mit
den Problemen der Klasse und des Klassenkampfes.
Am Beispiel der Mapuche-Bewegung in Chile zeigt Olaf Kaltmeier in Auf Suche
nach der Anarchie eine poststrukturalistische Perspektive auf herrschaftsfreie
Gesellschaften und widerständige Gemeinschaften. Dabei ist sich Kaltmeier
der Problematik bewusst, dass auch libertäre Ansätze nicht davor
gefeit sind, fremde Gesellschaften einfach als ein herrschaftsfreies Fundstück
vorzuführen, ohne den problematischen eigenen Status zu thematisieren.
Ihm geht es um die Betrachtung verschiedener Ansätze zum Umgang mit „herrschaftsfreien
Gesellschaften“. Illustriert hat er es am Beispiel der Mapuche in Chile.
Die Bedeutung des Anderen im Anarchismus gehört zu dieser Fragestellung.
Mit dem Zapatismus am 1. Januar 1994 hat ein neues „Gespenst“
die Weltbühne betreten. In Karl Marx und andere Gespenster oder: Eine
Neue Internationale der Hoffnung geht Torsten Bewernitz der Frage nach, ob
der Dekonstruktivismus die dem Zapatismus angemessene Theorie ist, dabei bezieht
er sich auf „Marx’ Gespenster“ von Jacques Derrida. In diesem
Buch nennte Derrida drei Gründe, Marx neu zu lesen: die Neue Internationale,
der Messianismus und eine radikale Kritik. Und diese neue Lektüre Marx’
mit Derrida führt, laut Bewernitz, direkt zu den zapatistischen Grundgedanken
der EZLN, wenn wir anarchistische Grundgedanken wie die Antistaatlichkeit
mitdenken.
Im letzten Beitrag Postmoderne – Veganismus – Anarchismus geht
Bernd-Udo Rinas der Frage nach einem nicht-anthropozentrischen, postmodernen
und dekonstruktiven Anarchismus nach. Er will damit eine notwendig erscheinende
Debatte über ein zeitgemäßes anarchistisches Selbstverständnis
eröffnen. Anarchistische Gesellschaftskritik kann demnach nur dann zeitgemäß
und fortschrittlich sein, wenn sich der eigene theoretische Standpunkt in
gleichem Maße hinterfragt und postmodern dekonstruiert wird. Deshalb
müssen in der Folge bisher gültige anarchistische Grundaussagen
durchaus in Frage gestellt werden. Der Beitrag von Rinas möchte einen
Gedankenbaustein für eine mögliche Diskussion liefern, in der deutlich
wird, welches theoretische Potential der Anarchismus besitzt, aber auch, von
welchem Teil er sich trennen müsste, wenn er sich als Gegenkraft behaupten
will. Es geht Rinas um Verknüpfungspunkte zwischen Veganismus, Postmoderne
und Anarchismus, da für ihn im Veganismus erste Verwirklichungsschritte
eines postmodernen Anarchismus angedeutet werden.
Diese Beiträge sollen dazu Beitragen die Diskussion über eine Aktualisierung anarchistischer Theorie und Praxis voranzutreiben. Den Autoren ist bewusst, das die Beiträge im Buch nicht alle notwendigen Bereiche abdecken, es fehlt zum Beispiel eine anarchafeministische Auseinandersetzung mit dem Postfeminismus in Anschluss an Judith Butler. Diese und andere Themen können und müssen aufgegriffen und somit theoretische Lücken geschlossen werden.