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Der Anarchismus und die Macht
Die Macht der Macht
scheint im wesentlichen
auf dem Umstand zu beruhen,
daß man nicht genau weiß,
um was es sich eigentlich handele.
Niklas Luhmann
Macht und Herrschaft sind zwei Begriffe, die für eine anarchistische
Analyse Kritik gegenwärtiger Gesellschaften von zentraler Bedeutung sind.
Anarchie bedeutet laut Horst Stowasser: „'keine Herrschaft', also die
Abwesenheit von Macht und Hierarchie“ (Stowasser 1995, 13). Die Abwesenheit
von Macht ist jedoch nach der in dieser Broschüre vorgestellten Machtanalyse
des französischen Philosophen Michel Foucault (1926-84) nicht möglich,
da es für ihn kein außerhalb der Macht gibt. In seiner Analyse
der Macht stellt Foucault alle Formen der Macht in Frage: „Ich sage
nicht, dass alle Formen von Macht unakzeptabel sind, sondern dass keine Macht
notwendigerweise akzeptabel oder unakzeptabel ist. Das ist Anarchismus. Doch
da Anarchismus heute nicht akzeptabel ist, werde ich es Anarchäologie
nennen – die Methode, die keine Macht als notwendigerweise akzeptabel
ansieht“ (Foucault zitiert nach: Negri/Hardt 1997).
Gerade da es kein außerhalb der Macht gibt und die Macht an jedem Ort
hinterfragt und in Frage gestellt werden muss, ist eine anarchistische Auseinandersetzung
mit Macht und Herrschaft notwendig. Sie ist notwendig in zweifacher Hinsicht:
Zum einem zur Analyse und Kritik gegenwärtiger Gesellschaften, aber auch
um in zukünftigen anarchistischen Gesellschaften, die Neuentstehung von
Herrschaft zu verhindern. Die in dieser Broschüre dargestellten Herrschaftstechniken
und Machtverhältnisse im Anschluss an Foucault halte ich besonders relevant
für eine Aktualisierung anarchistischer Theorie und Praxis. Aber auch
ohne die Analyse des Liberalismus und Neoliberalismus von Foucault und seinem
Begriff der Gouvernementalität greift jede Kritik des gegenwärtigen
Kapitalismus und den damit verbundenen Herrschaftstechniken zu kurz (vgl.
Foucault 2004). Auch andere postmoderne und poststrukturalistische DenkerInnen
– wie z.B. Judith Butler, Jacques Derrida, Félix Guattari und
Gilles Deleuze – können uns dabei helfen (vgl. Mümken 2003
und 2005) einen Anarchismus für das 21. Jahrhundert zu entwickeln. Die
poststrukturalistische Auseinandersetzung mit dem Subjekt und der Subjektivierung
kann uns dabei helfen, die „freiwillige Knechtschaft“ der Menschen
zu verstehen. Ziel jeder anarchistischen Kritik der herrschenden Verhältnisse
besteht in der Entwicklung einer „Kunst der freiwilligen Unknechtschaft,
der reflektierten Unfügsamkeit“ (Foucault 1992, 15).
Zur Zeit existiert meines Wissens noch keine ausführliche
Studie über das Verständnis von Macht und Herrschaft in der anarchistischen
Theorie und Praxis, weder für den klassischen noch für den aktuellen
Anarchismus. Trotzdem gibt es einige Aussagen über das Verhältnis
von Anarchismus und Macht, die ich an dieser Stelle kurz erwähnen möchte.
Der Anthropologe Harold Barclay sieht das Verhältnis der Anarchie zur
Macht folgendermaßen: „Anarchie ist letztendlich ein Zustand,
in dem die Macht am weitesten aufgespalten ist, so daß sie im Idealfall
gleichmäßig auf die gesamte Gesellschaft verteilt ist. Und dies
unterscheidet die anarchistische Konzeption von anderen politischen Theorien,
die wie z.B. der Marxismus nur die Übertragung der Macht von einer gesellschaftlichen
Gruppe (Klasse) auf eine andere anstreben. (...) Max Weber hat den Unterschied
zwischen Macht und Autorität hervorgehoben. In jeder Gesellschaft erkennen
die einzelnen Mitglieder an, daß gewisse Menschen in bestimmten Bereichen
Autorität besitzen“ (Barclay 1982, 23f).
In ihrem Buch über den „libertären Kommunalismus“ schreibt
Biehl über Foucault: „Michel Foucault hat der Linken, oder dem
was von ihr noch geblieben ist, keinen Dienst erwiesen, dass er die Macht
als ein allgegenwärtiges Phänomen hinstellt, von Natur aus böse
und Feind jeder Freiheit. Denn das hieße ja zwangsläufig, die linkslibertäre
Bewegung müsse nicht nur Staat, Hierarchie und Kapitalismus abschaffen,
sondern gleich jede Art von Macht. Macht kann aber niemals abgeschafft werden.
Es wird immer Institutionen geben, in denen Menschen über Macht verfügen
– das gilt für den faschistischen Diktator ebenso wie für
die freien Bürger in ihren demokratischen Versammlungen“ (Biehl
1998, 112f). Leider hat Biehl – wie die LeserInnen dieser Broschüre
selbst sehen – die Machtanalyse von Foucault überhaupt nicht verstanden.
Für Foucault ist die Macht nicht von Natur aus böse – ein
„von Natur aus“ gibt es für Foucault gar nicht –, wie
Biehl behauptet, und Foucault geht ebenfalls davon aus, dass frau/mann Macht
niemals abschaffen kann und es keine Gesellschaft ohne Machtverhältnisse
gibt.
Ein Problem stellt hier dar, dass Biehl – wie die meisten
AnarchistInnen auch – nicht klar zwischen Macht und Herrschaft differenziert.
AnarchistInnen verwenden in ihren Schriften häufig Macht und Herrschaft
synonym. Einer der wenigen, die sich mit dem Machtverständnis innerhalb
des Anarchismus auseinandersetzt haben, ist Ralf Burnicki, er sieht innerhalb
des Anarchismus vier verschiedene Machtkonzeptionen:
- die Ablehnung der Macht,
- die skeptische Adoption des Machtbegriffs,
- eine deutlich positiv verfasste Hinwendung zum Machtbegriff (an Foucaults
Macht-Analyse orientiert)
- und eine positive Interpretation des Machtbegriffs (z.B. bei Biehl) (vgl.
Burnicki 2000).
Burnicki selbst lehnt einen positiven Bezug auf den Begriff „Macht“
innerhalb des Anarchismus ab:
„Der Anarchismus hat per Definition als 'anarchia’ keine Ambitionen
zu einer Macht als ‚power over x’. Deshalb würde ich den
Machtbegriff auch nicht gerne zur Beschreibung anarchistischer Ziele einsetzen
wollen ('Erinnerung der Volksmacht’ u.ä.), sondern den Begriff
der Macht dann genau dort verwenden, wo er zur Beschreibung von Herrschaftsverhältnissen
und ihrer informellen Aspekte taugt. Anarchistisches Ziel wäre z.B. 'Freiheit’,
nicht Macht. Libertäre Aktivitäten können auch durch Wörter
wie 'Engagement’ etc. bezeichnet werden. Zur Zeit könnte es jedenfalls
passieren, dass zwei AnarchistInnen 'Macht’ sagen, dabei aber an ganz
verschiedenes Denken“ (Burnicki 2000, 18).
Hier wird deutlich, welches Problem der Begriff der „Macht“ für
den Anarchismus darstellt, um so mehr ist es notwendig genau zwischen Macht
und Herrschaft zu differenzieren. Eine positive Interpretation der Macht innerhalb
der anarchistischen Theorie und Praxis macht meiner Meinung nach nur Sinn,
wenn wir uns dabei auf die Machtanalyse von Foucault beziehen. So ist eine
anarchistische Gesellschaft herrschaftsfrei aber eben nicht machtlos. Die
Ordnung einer anarchistischen Gesellschaft muss darauf ausgelegt sein, dass
sich aus umkehrbaren Machtverhältnisse keine starren Herrschaftszustände
entwickeln können. Freiheit eine weitere zentrale Kategorie des Anarchismus
ist kein Naturzustand, sondern ein soziales Verhältnis. Die zukünftigen
anarchistischen Gesellschaften stehen nach der Befreiung von zwei Grundproblemen:
die Gestaltung der Freiheit und die Verhinderung der Neuentstehung von Herrschaft.
Die Analyse der Macht von Foucault bietet dabei interessante Ansätze
für die Auseinandersetzung mit diesen beiden Problemen.
Für Foucault werden der Befreiung von den verschiedenen Herrschaftszuständen
Felder für neue Machtverhältnisse geöffnet, die „dann
aber von den Praktiken der Freiheit kontrolliert werden“ (Foucault 1985,
11) müssen. Foucault führt leider nicht aus, was unter „Praktiken
der Freiheit“ zu verstehen ist. Diese Praktiken zu entwickeln ist eine
wichtige Aufgabe einer anarchistischen Bewegung bzw. Gesellschaft. Macht und
Freiheit sind soziale Verhältnisse, die sich einander bedingen, das eine
tritt nicht ohne das andere auf. „Macht wird nur auf 'freie Subjekte'
ausgeübt und nur sofern diese 'frei' sind. Hierunter wollen wir individuelle
oder kollektive Subjekte verstehen, vor denen ein Feld von Möglichkeiten
liegt, in dem mehrere 'Führungen', mehrere Reaktionen und verschiedene
Verhaltensweisen statthaben können. Dort wo die Determinierungen gesättigt
sind, existiert kein Machtverhältnis; die Sklaverei ist kein Machtverhältnis“
(Foucault 1994, 255). Wo die Freiheit eingeschränkt wird oder verschwindet,
verwandeln sich Machtverhältnisse in Herrschaftszustände.
Wenn wir anarchistische Gesellschaften ohne Staat erreichen und eine Neuentstehung
von Staaten verhindern wollen, müssen wir gesellschaftliche „Praktiken
der Freiheit“ – ähnlich denen der sogenannten primitiven
Gesellschaften – entwickeln, denn „die sogenannten primitiven
Gesellschaften sind keine Gesellschaften ohne Staat in dem Sinne, daß
sie ein bestimmtes Stadium nicht erreicht haben, sondern gegenstaatliche Gesellschaften
die Mechanismen entwickeln, die die Staatsform verhindern und ihre Kristallisation
unmöglich machen“ (Deleuze/Guattari 1992, 595). Diese Praktiken
sind besonders für nach-staatlichen Gesellschaften wichtig, da sie ständig
mit der „Idee des Staates“ leben müssen, und somit die Gefahr
der Neuentstehung permanent ist. Somit ist die Anarchie kein „friedliches
Paradies“, sondern ein „permanenter Krieg“ gegen die „Idee
des Staates“ und seiner Neuentstehung. Ebenfalls bedrohen auch Kapitalismus,
Patriarchat, Rassismus u.a. Herrschaftszustände nach der Überwindung
und Aufhebung die zukünftigen anarchistischen Gesellschaften. Mit der
Anarchie verschwindet nicht die Idee der Herrschaft. Die letzte Schlacht gibt
es eben nicht.
Literatur:
- Barclay, Harold: Völker ohne Regierung. Eine Anthropologie der Anarchie,
Berlin 1982
- Biehl, Janet: Der libertäre Kommunalismus. Die politische Praxis der
Sozialökologie, Grafenau 1998
- Burnicki, Ralf: Keine Macht für Alle, keine Macht für niemand?
Herrschaft, Antiherrschaft und vier Machtkonzeptionen im Anarchismus, in:
graswurzelrevolution 248 – April 2000
- Deleuze, Gilles / Guattari, Félix: Tausend Plateaus, Berlin 1992
- Foucault, Michel: Freiheit und Selbstsorge. Gespräch mit Michel Foucault.
In: Freiheit und Selbstsorge, hrsg. von Helmut Becker u.a., Frankfurt am Main
1985
- Foucault, Michel: Was ist Kritik?, Berlin 1992
- Foucault, Michel: Das Subjekt und die Macht. In: Dreyfus, Hubert L. / Rabinow,
Paul: Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Weinheim
1994
- Foucault, Michel: Geschichte der Gouvernementalität, 2 Bände,
Frankfurt am Main 2004
- Mümken, Jürgen: Freiheit, Individualität und Subjektivität.
Staat und Subjekt in der Postmoderne aus anarchistischer Perspektive, Frankfurt
am Main 2003
- Mümken, Jürgen (Hrsg.): Anarchismus in der Postmoderne. Beiträge
zur anarchistischen Theorie und Praxis, Frankfurt am Main 2005
- Negri, Antonio / Hardt, Michael: Die Arbeit des Dionysos. Materialistische
Staatskritik in der Postmoderne, Berlin/Amsterdam 1997
- Stowasser, Horst: Freiheit pur. Die Idee der Anarchie,
Geschichte und Zukunft, Frankfurt am Main 1995